Ein tiefer Riss durch alle Ideen

Wie es mit der Appretur an der Isnyer Stadtmauer weitergeht, ist völlig offen – Rechtsstreit hält an.

Die Appretur an der Isnyer Stadtmauer hätte ein Schmuckstück werden sollen, ein Anziehungspunkt, ein Kraftort für kreative Menschen – doch von allen Ideen, die nicht zuletzt vom Verein „Freunde der Appretur“ kamen, ist nichts mehr übrig. Der Grund sind vor Jahren aufgetretene, tiefe Risse im Mauerwerk. Die Frage, woher diese stammen, steht im Zentrum eines Rechtsstreits, der womöglich noch lange dauern könnte. Wie es mit dem Industriedenkmal weitergehen könnte, ist ebenso ungeklärt.

„Aktuell läuft beim Landgericht Ravensburg ein selbstständiges Beweissicherungsverfahren wegen der Schäden an Stadtmauer und Appretur“, erklärte die damalige Bauamtsleiterin Katharina Haug im Herbst 2021. Es sei „zeitlich offen, wann das Verfahren zum Abschluss gebracht werden kann“, fügte sie hinzu. Anfang 2023 ist Haugs Aussage immer noch gültig. „Derzeit befinden wir uns immer noch im Beweissicherungsverfahren. Der Gutachter war schon vor Ort, aber es hat noch keine Gerichtsverhandlung stattgefunden“, sagt die inzwischen im Rathaus für das Gebäude zuständige Fachbereichsleiterin Andrea Pezold. Es sei auch noch kein Verhandlungstermin festgelegt worden. Dass in diesem Jahr etwas passiere, sei nicht wahrscheinlich. Vielleicht ja 2024, gibt sich Pezold sehr vorsichtig.

So wie auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 2019 sieht es in dem Flur in der Appretur in Isny noch heute aus. Auf dem Boden ist ein großer Riss zu erkennen.
So wie auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 2019 sieht es in dem Flur in der Appretur in Isny noch heute aus. Auf dem Boden ist ein großer Riss zu erkennen. ARCHIVFOTO: LIANE MENZ

Schon seit 2019 darf die Appretur nicht mehr genutzt werden. Damals waren große Risse bemerkt worden, die sich längs durch das gesamte Bauwerk zogen – unter anderem mitten durch den Flur. Die Bemühungen der „Freunde der Appretur“ kamen daraufhin zum Stillstand. Zwei Jahre später gab die Gruppe um die Vorsitzenden Petra Eyssel und Liane Menz auf.

In das Gebäude geht seither nur noch die Stadtverwaltung, um eventuelle Veränderungen zu dokumentieren. Auf den Rissen befänden sich sogenannte Gipsmarken, sagt Pezold, an denen zu erkennen wäre, falls sich die Bausubstanz weiter bewege. „Es finden regelmäßig Begehungen statt um gegebenenfalls erforderliche bauliche Maßnahmen ergreifen zu können“, erklärt die Fachbereichsleiterin. So würden etwa lose Dachplatten wieder gesetzt, vom Sturm aufgedrückte Fenster geschlossen oder repariert. So sollten „weitere bauliche Verschlechterungen“ verhindert werden. Klar sei, sagt Pezold: „Die Bausubstanz wird nicht besser.“ Nicht zuletzt deshalb ist die Stadtverwaltung sehr daran interessiert, dass es eine Weiterentwicklung bei der Frage gibt, wer für die Bauschäden haftet und letztlich zahlen muss.

Eine Option gibt es freilich nicht: ein Abriss der Appretur. Denn diese ist denkmalgeschützt und muss erhalten bleiben. „Das wird richtig Geld kosten“, weiß Andrea Pezold. Wofür welches ausgegeben werden könnte, also für welche Nutzung, ist aber noch völlig offen. Aus dem Gebäude längst aus Sicherheitsgründen verwiesen, gedanklich aber noch immer stark mit dem Projekt verbunden, sind die „Freunde der Appretur“, die nach ihrem Auflösungsbeschluss überlegten, wie das bereits durch die Mitgliedsbeiträge zusammengekommene Geld investiert werden könnte. Im Wortsinn naheliegend war der Grünstreifen vor der Appretur. Dort wurde die Aufenthaltsqualität rund um den Bouleplatz erhöht – mit Bänken und einer Liegebank. Das restliche Geld soll zweckgebunden an die Stadt Isny überwiesen werden.

Schwäbiche Zeitung – Ausgabe 20. Januar 2023 von Michael Panzram